Artikel von Oliver Schwers im Uckermark - Anzeiger vom 16./17. März

Liebes-Romanze mit Ruinen

Berliner Studenten gründeten einen Förderverein, um das Hohenlandiner
Schloss- und Gutsensemble zu retten

Landin. Die Hausbesichtigung ist abenteuerlich. Der Weg ins Obergeschoss führt über ein leicht schwankende Holzstufen ohne Geländer. Da, wo eigentlich ein Dach sein sollte, machen riesige Löcher, umrahmt von übrig gebliebenen Dachziegeln, die Sicht zum Himmel frei. Ungehindert kann der Blick durch mehrere Etagen schweifen, durch eingestürzte Decken, durch verschwundene Wände. Der Hausherr klettert mit sicherem Fuß über die statisch noch unbedenklichen Teile des halb verfallenen Hauses, hangelt an Balken entlang, balanciert geübt auf den Mauerkronen. "Keine Sorge, das hält noch eine Weile", kommentiert Peter Strzelczyk jeden argwöhnischen Blick. Mit Begeisterung führt er durch sein zerschlissenes Reich - durch die alte Gutsbrennerei von Hohenlandin.
Wer das rund 150 Jahre alte und immer noch imposante Backsteingebäude gleich neben der malerischen Schlossruine zum ersten Mal erlebt, muss schon eine gehörige Portion Enthusiasmus aufbringen, um sich eine Wiedererstehung vorstellen zu können. So ähnlich erging es den Berliner Studenten, als sie während eines Seminars in Hohenlandin auftauchten und sich sogleich in die Tudor-Gotik des Schlosses verliebten. Der architekturbegeisterte Freundeskreis um Peter Strzelczyk fing Feuer und steckte alle Euphorie in einen Kaufantrag für die Ruine. Aufgrund einer falschen Ausschreibung der Treuhand mussten die Studenten allerdings feststellen, dass nicht das Schloss, sondern nur die alte Brennerei und Stallanlagen zu haben waren. Sie kauften trotzdem. Seitdem macht sich der "Förderverein Schloss Hohenlandin" e.V. auf dem Wirtschaftshof des Gutes zu schaffen.
Angehende Architekten, Landschaftsgestalter, Statiker und Handwerker haben sich in den Kopf gesetzt, das heruntergekommene Ensemble aus leeren Ställen, Speichern, zerfallener Brennerei und auch dem Schloss mit neuem Leben zu füllen. "Wir sind keine Investoren mit viel Geld in der Tasche", gibt Vereinvorsitzender Strzelczyk zu bedenken. "Mit einem naivem Idealismus und einem Interesse für Architektur kamen wir hierher und legten einfach drauflos. Wir wollten gemeinsam etwas anschieben."
Zwar wurde der Hauruck-Optimismus durch die Realität etwas gedämpft, aber im Ort ließ man sie gewähren. Mit Feuereifer machten sich die Studenten an eine umfangreiche Recherche-Arbeit, kramten in Archiven, förderten Pläne, Skizzen und alte Fotographien zutage, besuchten die Nachfahren der Gutsbesitzer. Ziel der zeitaufwendigen Forschung ist ein denkmalpflegerisches Gesamt-Konzept für alle Bauteile des Wirtschaftshofes. Bis jetzt gibt es noch keine schlüssige Idee, was aus den einst prächtig anzuschauenden Schlossmauern werden könnte, die der Gemeinde gehören. Auch über die zukünftige Nutzung des Ochsenstalls, Brennerei und Umfeld wollen sich die Vereinsmitglieder noch nicht äußern. Lediglich im angrenzenden Park sind erste Restaurationsergebnisse deutlich sichtbar, die vom Darf angeschoben wurden.
Wer genauer hinschaut und sich nicht vom Verfall der Gebäude irritieren lässt, erkennt bis heute die technischen Meisterleistungen damaliger Bauleute und Konstrukteure. Peter Strzelczyk untersucht akribisch jedes Bauteil der alten Brennerei, die noch bis in die 70er Jahre bewohnt war. Heute wächst Moos im Dachgeschoss, das Kesselhaus ist eingestürzt, Balken modern vor sich hin. Doch die einmalige Wasserleitung zur Versorgung des Schlosses existiert noch immer. Mittels Pumpe sammelte sich das Wasser aus dem Teich in einer noch vorhandene Eisenwanne auf dem Dachboden der Brennerei. Von dort wurde es über ein Rohrsystem verteilt.
Eindrucksvoll zeugt auch der gewölbte Keller mit Brunnenschacht von der Stabilität der historischen Mauern. Früher gab es hier sogar eine Schmiede, eine Stellmacherei und ein Spirituslager. Die Reste der Brennerei-Verarbeitung gelangten ebenfalls über ein Rohrsystem direkt in die angrenzenden Ställe und dienten als Futter.
Bevor der Aufbau einzelner Gebäude beginnt, müssen die Studenten noch einige Hausaufgaben machen. Eine Monographie soll entstehen, alle Bauteile sollen vermessen und dokumentiert, zahlreiche Details erhalten werden. Sie wollen mit Bedacht und in Ruhe gemeinsam mit dem Dorf ein Konzept für die Zukunft erarbeiten. "Das Schloss betrachte ich inzwischen als eine unglückliche Liebe", sagt Peter Strzelczyk versonnen. "Aber wir haben Verantwortung übernommen und werden sie auch wahrnehmen."

 

Ruinenromantik: Im Dachgeschoss der alten Brennerei von Hohenlandin wächst bereits Moos.
Große Bauschäden geben mittlerweile den Blick auf das Dorf frei. Ein Förderverein will
das Gesamtensemble des ehemaligen Wirtschaftshofes retten und wieder nutzen.